Die Trennung mit der Maus
Von Sebastian Wieschowski (31.12.2007)
In Australien können zerstrittene Paare vor dem Gang zum Scheidungsrichter in einem
Chatroom die gesetzlich vorgeschriebene Paarberatung absolvieren. Auch deutsche Juristen
bieten die bequeme und kostengünstige Scheidung per Internet an. Rechtsanwaltskollegen sind
jedoch skeptisch.
Es ist wie damals, als Tom im August 1999 seine Frau Susan bei ICQ kennenlernte. Er wollte
die Benutzernummer eines Freundes eingeben - ein Zahlendreher führte den Industriemechaniker aus
Cairns im Nordosten Australiens und die Grundschullehrerin aus Sydney zusammen. Damals hieß Susan
noch "nuffle71", damals verschickte sie bunte Smileys und schickte per Tastatur ihren Gemütszustand
in Kurzform auf den Bildschirm ihrer Chat-Bekanntschaft.
Aus der Web-Freundschaft wurde Liebe, aus der Pixel-Partnerschaft eine kleine Familie mit Tochter
Anne. Doch irgendwann begann es, zu kriseln - lautstarker Streit, oft bis in die Nacht. Irgendwann
packte Susan ihre Sachen ein, verlangte die Scheidung und verschwand. Wenig später trafen sich Susan
und Tom erneut im Chat - diesmal jedoch in Begleitung eines namenlosen Scheidungsschlichters.
Der Schlichter sezierte im Dreier-Chatroom ihre Beziehung und verteilte nüchtern, was von der großen
Liebe übrig blieb: Wer bekommt den Hund, was geschieht mit dem gemeinsamen Auto, wo soll Töchterchen
Anne leben? Immer wieder flackert ein grünes Licht unter den einzelnen Streitthemen auf, das Wort
"resolved" leuchtet auf - ein weiterer Streitpunkt ist geklärt. Nach drei Stunden sind alle Punkte
abgearbeitet, die "chat session" beendet und das Ehepaar so gut wie geschieden.
Web-Scheidung - schnell, vertraulich und kostengünstig
Was in Deutschland noch undenkbar ist, geht in Australien ganz bequem per Mausklick: Vor dem Gang
zum Scheidungsrichter können zerstrittene Paare in einem Chatroom die gesetzlich vorgeschriebene Paarberatung
absolvieren. ResolutionOnline hilft zerstrittenen Paaren in Australien auf den letzten Schritten zur Scheidung -
denn nach australischem Recht ist "down under" vor dem Gang zum Scheidungsrichter ein Gespräch mit einem
unabhängigen Vermittler verpflichtend - diese Krisensitzung kann nun auch im Internet-Chatroom stattfinden.
Als "schnell, vertraulich und kostengünstig" preist das Unternehmen aus Brisbane seine Dienste an.
Schließlich ist Australien ein großes Land und die benötigten Vermittlungsgespräche, an deren Ende das
"Dispute Resolution Certificate" ausgestellt wird, nicht überall und ständig verfügbar. Sogar der Family
Court of Australia (FCA), das zuständige Bundesgericht für Familienrechtsfälle, unterstützt die Online-Mediation.
Die Begründung: Bevor sie sich gar nicht einigen, sollen Paare lieber per Internet die Scheidung regeln.
Online-Trennung mit hoher Sozialkompetenz
Auch in Deutschland gibt es Anhänger der Internet-Mediation: "Dabei handelt es sich definitiv um eine
interessante Idee", urteilt Josef Linsler, Bundesvorsitzender des Interessenverbandes Unterhalt und Familienrecht.
"Für uns stehen Mediation, Vermittlung und einvernehmliche Scheidung an oberster Stelle, denn gemeinsam getroffene
Regelungen halten länger und werden besser eingehalten als die von einem Richter angeordneten", begründet Linsler.
Kein Wunder, dass auch deutsche Web-Anbieter versuchen, die Scheidung per Internet zu fördern: "Wenn zwei Menschen
sich einig sind, dass nichts mehr geht, und der Gesetzgeber eine Mediation vor Einreichung der Scheidung vorgesehen hat,
dann können gerade diese Menschen dem Gesetz durch die Mediation im Chat schnell und kostengünstig Rechnung tragen", meint
Dr. Christopher Pruefer, vertretungsberechtigter Direktor der "Added Life Value AG.". Seine Firma will ab dem Jahr 2008
als erstes deutsches "Unternehmen mit hoher Sozialkompetenz" die sogenannte Online-Scheidung anbieten: Neben der wirklichen
Begleitung der Menschen in dieser Krisenphase will der Internet-Dienst seine Kunden auch nach der Trennung begleiten.
"Trennung und Scheidung per Internet sind in sehr vielen Ländern kein Tabu mehr", versichert Pruefer.
Wer sich einig ist, spart Geld
Bereits jetzt bieten zahlreiche Anwälte im Internet sogenannte "Online-Scheidungen" an. Einer der Vorreiter ist Thomas
von der Wehl aus Kiel: "Unser Angebot richtet sich speziell an scheidungswillige Eheleute, zwischen denen alles bereits
geklärt ist oder zwischen denen es nichts Streitiges zu klären gibt", erklärt der Fachanwalt für Familienrecht. Seine
Kunden seien meist Eheleute, die seit längerer Zeit voneinander getrennt leben und bei denen nur der letzte Schritt,
nämlich der Gang vor den Scheidungsrichter, noch fehlt.
"Der gesamte Schriftverkehr läuft auf Wunsch per E-Mail ab", erklärt Thomas von der Wehl. "Aufgrund der vereinfachten
Abwicklung einer einvernehmlichen Scheidung, die auch für das Gericht gilt, beantrage ich eine Reduzierung des Gegenstandswertes
um 25 Prozent", sagt der Scheidungsanwalt. Außerdem hätten sich die Kosten bereits zu Beginn des Verfahrens halbiert, weil
beide Ehepartner auf einen gemeinsamen Anwalt zurückgreifen.
Scheidungsverfahren bleibt konventionell
Die Rechtsanwaltskammern stehen den Web-Angeboten ihrer Mitglieder jedoch skeptisch gegenüber: "Es handelt sich bei den
Angeboten im Internet lediglich um die Beauftragung eines Rechtsanwaltes. Das übrige Scheidungsverfahren läuft auf konventionellem
Wege ab", stellt Peggy Fiebig, Referentin bei der Bundesrechtsanwaltskammer in Berlin, klar.
"Gerade bei einem Scheidungsverfahren, das ja in der Regel auch höchst private Dinge umfasst, kommt es jedoch auf das
persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant an", unterstreicht die Rechtsanwältin.
Einladung zur Trennungsvorbereitung per E-Mail
Wer in Australien den Bund fürs Leben im virtuellen Chatroom brechen will, muss sich beim Anbieter zuerst einen Termin
holen. Dafür ist ein Formular mit zahlreichen Details auszufüllen, auch über "the person you are separating from", also die
Person, von der man sich scheiden lassen will. Wenn der Noch-Lebensgefährte von dem virtuellen Trennungsversuch nichts weiß,
informiert ihn ResolutionOnline bequem per E-Mail.
Hat auch der Partner der Chat-Trennung zugestimmt, wohnt ein unabhängiger Sachverständiger dem virtuellen Gespräch zwischen
den zerstrittenen Parteien bei und versucht, zu vermitteln. Nach der Verhandlung drucken die Streitparteien über die Web-Seite
eine standardisierte Vereinbarung aus, in der alle Trennungsmodalitäten festgehalten werden. Der virtuelle Rosenkriegsschlichter
berechnet für unkomplizierte Scheidungsfälle mindestens 320 australische Dollar, je nach Streitintensität wird der Chat teurer.
Über den Online-Buchladen auf der Web-Seite hat sich auch Tom gewundert, der sich von seiner Web-Liebe und späteren Ehefrau
Susan im Chat trennte. Ansonsten sei ResolutionOnline im Vergleich zu so manchem "non-virtual war of roses" eine geradezu angenehme
Angelegenheit. Bei einem Liebes-Burnout habe man schließlich keine Lust auf stundenlange Verhandlungen und auch eine gewisse
Abneigung, den Partner im "real life" zu sehen. "In order to speed up the process", also um die ganze Sache zu beschleunigen,
warteten die Noch-Eheleute Tom und Susan deshalb geduldig, bis dass der Krisenprofi von ResolutionOnline sie im Chatroom schied.
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